Kerstin Beckert | Toilettengeschichten: Ansteckungsgefahr auf kleinstem Raum?

Toilettengeschichten: Ansteckungsgefahr auf kleinstem Raum?

 

    Das öffentliche WC: Eine saubere Sache?

     
    Sommer, Sonne, Freizeitspaß. Sobald es wärmer wird, steigt bei vielen die Unternehmungslust. Ob es ein Wochenendtrip in eine andere Stadt ist, eine Reise oder ein Spaziergang durch die Grünanlagen, man ist länger unterwegs. Gerade in den ungeschicktesten Momenten stellt sich gerne ein dringendes „Bedürfnis“ ein, oft ist dann nur eine öffentliche Toilettenanlagen in der Nähe.

    Für viele dennoch nicht die erste Wahl. Aus optischen Gründen, aus olfaktorischen, und vielleicht auch, weil sie befürchten, sich mit einer Krankheit anzustecken. Doch wie hoch ist das Infektionsrisiko in den öffentlichen Örtchen eigentlich, und wo lauern die meisten Keime?

    Unsichtbare Verschmutzung

    Der erste Verdächtige in diesem Zusammenhang: die Toilettenbrille. Dort tummeln sich jedoch nicht zwangsläufig die meisten Keime. Je nach Art sammelt sich auch auf anderen Oberflächen eine Vielzahl von Erregern – etwa auf den Bedienungsgeräten (Armaturen). Oberflächen also, mit denen man durchaus Kontakt hat. Deshalb werden Keime „in der Toilette vor allem über die Hände übertragen“, erklärt Dr. Andreas Podbielski, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie & Hygiene der Universität Rostock. Die Zahl der Krankheitserreger (nicht-sichtbare Keimlast) sei auf den Handflächen zwar nicht am größten. „Doch was die Vielfalt an Bakterien und Viren angeht“, entspräche das Milieu auf den Händen im übertragenen Sinne „durchaus einem Zoo“.
    Dessen Bewohner gehen auf Wanderschaft, sobald man beispielsweise Kontakt mit einer Türklinke oder dem Spülknopf hat.

    Zu den übertragenen Keimen gehören laut Podbielski sowohl Bakterien, als auch Viren. Letztere seien „auf Oberflächen zwar nicht vermehrungsfähig, aber existent“. Wenn solche Keime auf die Hände gelangen, und danach ins Gesicht, kann man sich also durchaus infizieren.

    Sichtbarer Schmutz

    Auf öffentlichen Toiletten sind jedoch nicht nur unsichtbare Keime ein Problem. Vieles kann den Besuch zu einem Ärgernis machen, wie etwa blutige Binden, Erbrochenes oder benutzes WC-Papier, das danebengefallen und niemals aufgehoben wurde. Doch selbst wenn der/die Verursacher diesen sichtbaren Schmutz nicht anfassen möchte, es gibt jemanden, der es muss. Reinigungspersonal ist dafür verantwortlich, dass derlei Unrat entsorgt und Verunreinigungen weggewischt werden.
    Diese Menschen sind obendrein mit den daran anhängenden Keimen konfrontiert. Vom Ekel einmal abgesehen. Der so genannten „Putztruppe“ wird trotzdem selten jener Respekt entgegengebracht, den sie verdient. Im Gegenteil, sie ist quasi unsichtbar, arbeitet oft in den späten Abendstunden oder nachts.

    Mit vereinten Kräften (und etwas Geduld)

    Trotz deren Mühen: Krankenhaus-Hygieniker Andreas Podbielski gibt zu bedenken, dass selbst „eine sehr gründliche Reinigung die Keimlast auf Oberflächen nur vorübergehend senkt“. Er rät deshalb: „Auf jeden Fall die Handwasch-Möglichkeiten nutzen“ (wenn ein funktionsfähiges Waschbecken vorhanden ist). Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), empfiehlt, nach dem Toilettenbesuch zum Schutz vor Infektionen mind. 20 Sekunden lang die Hände mit Seife zu waschen (https://www.infektionsschutz.de/haendewaschen.html). Leider ist dies in einem öffentlichen WC oft nicht leicht, wenn von hinten jemand drängelt oder die Augen vor Ungeduld verdreht. Hier wäre etwas Geduld angesagt. Denn wie sagt man in Norddeutschland: „Was mutt dat mutt“.

    „Eine kleine Flasche mit Desinfektionsmittel in der Tasche“ mitzunehmen, um nach dem Toilettenbesuch damit „abschließend die Hände zu desinfizieren“, hält der Mediziner inzwischen ebenfalls für richtig. Denn saubere und funktionierende Waschbecken gibt es natürlich nicht überall.

    Wie ist das speziell bei Covid-19?

    Realitätsnahe Studien zu diesem Thema sind schwierig umzusetzen, die Vorgänge auf einer Toilette sehr komplex. Andreas Podbielski äußert sich hierzu wie folgend: „Es gibt für mich aktuell keine Fakten, dass man sich über Oberflächen mit Covid-19 anstecken kann.“ Die entsprechenden Viren seien dort nur wenige Minuten bis Stunden vermehrungsfähig. Für eine Kontakt-Infektion müsse „eine Oberfläche stark kontaminiert sein, d.h. es müsste einen ordentlichen Keimabdruck geben“. Sollten die aufgenommenen Keime danach relativ schnell in Mund oder Nase gelangen, „ist eine Infektion (z.B. erst einmal im Mund) theoretisch möglich“. Praktisch sei sie jedoch eher nicht wahrscheinlich, bzw. selten. Beim SARS-Cov-2-Virus spiele demnach vor allem die Tröpfcheninfektion über Aerosole eine Rolle.

    Moderne Technik im stillen Örtchen

    Freilich, je weniger die Besucher einer öffentlichen Toilettenanlage anfassen müssen, desto besser. „Denn alles, was den Hautkontakt minimiert, senkt natürlich auch das Übertragungsrisiko“, so Podbielski.

    Kontaktarme Armaturen helfen also durchaus. Gründliches Händewaschen ebenfalls.

     
    Update vom 19.10.21, siehe auch: https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung-im-Betrieb/Coronavirus/FAQ/01-FAQ_node.html, sowie https://www.bfr.bund.de/de/kann_das_neuartige_coronavirus_ueber_lebensmittel_und_gegenstaende_uebertragen_werden_-244062.html.
     
     
    Weitere Infos zum Thema:

    Weitere Gedanken über die Bedeutung (und auch Betriebskosten) eines „stillen Örtchens“ im öffentlichen Raum finden Sie unter Manchmal kaputt und häufig verdreckt – Wenn „Müssen“ unterwegs zur Mutprobe wird.

    Zusammenfassung und Erklärung der wichtigsten Fachbegriffe zum Thema „Covid-19“: Corona: Basics (siehe auch Aerosol).

     

    Links und Hintergrundinformationen: