Kerstin Beckert | Im Wandel der Jahreszeiten: Winter

Im Wandel der Jahreszeiten: Winter

Lesedauer 6 Minuten

 

     

    NaturSichtBlogaktion 2022 – Ab in den Garten

     

    Keine Chance dem Winterblues. Oder was haben Löwenmäulchen mit Halloween zu tun?

     

    Endlich, es ist Februar! Monatelang habe ich mir die Nase an der Fensterscheibe meines Wohnzimmers plattgedrückt und sehnsüchtig an den vergangenen Sommer gedacht. Als die Sonne noch Wärme brachte, als alle Blumen blühten, Insekten summten und es jeden Tag etwas zu gucken gab.


    Bild: Letzter Sommer auf dem Balkon
     

    In diesen warmen Monaten läuft oft die Speicherkarte meiner Kamera über. Die Tage scheinen einfach übervoll mit Momenten, die es in Bildern oder Texten zu konservieren gilt. Denn, auch wenn ich Biologin bin: Das Steckbrett hat bei mir längst ausgedient. Viel schöner ist es, Insekten, Schmetterlinge und Spinnen lebendig umherwuseln oder -fliegen zu sehen. Vor allem, da ihre Zahl in den letzten Jahren beträchtlich abgenommen hat.

    Je vielfältiger die Blütenpracht auf dem Balkon, desto besser. Mein kleiner Beitrag gegen das Insektensterben und für den Artenschutz.

    Wildes Mini-Paradies

    Es ist zwar kein Garten, doch die sieben Quadratmeter sind eine kleine, grüne Wohlfühloase für mich. Geht es mir schlecht, tut etwas weh, bei strahlendem Sonnenschein, zum Vögel beobachten, oder einfach nur genüsslich eine Kaffeetasse in der Hand – ein Besuch auf dem Balkon ist immer gut fürs Gemüt. Außerdem sprudeln hier die Ideen nur so. Vieles verwende ich für Blogartikel (wie diesen), oder in Slideshows auf meinem Youtube-Kanal. Dementsprechend hart wird es, wenn der Winter kommt.


    Warm eingepackt: Balkonkästen im Winterschlaf
     
    Seit ich gesehen habe, wie viele Tiere noch im Oktober unterwegs sind, habe ich im letzten Jahr beschlossen, die Blumenkästen nicht mehr „reinzuputzen“. Sprich, nichts mehr wegzuwerfen, was irgendwie braun werden kann. Wer weiß, wie viele Marienkäfer sich in dem Gestrüpp verstecken, welche Schmetterlings-Raupen überwintern, oder ob sich nicht doch irgendwo eine Wildbiene in der Erde eingegraben hat?

    Verblüht und trotzdem grün

    In diesem Winter sehen die Balkonkästen daher natürlich nicht so schön aus. Die Blüten von Scabiosa oder Ringelblumen sind verwelkt, hängen unmotiviert herunter. Die Löwenmäulchen-Knospen entwickeln sich an den seltenen, warmen Tagen (von denen es im Winter 2021/2022 wohl ein paar mehr gab) zwar weiter, erfrieren aber beim nächsten Frost.

    Die Stängel von Flockenblumen oder Wandelröschen sind braun und holzig. Für die Nachbarn vermutlich recht ungewöhnlich. Doch ich bleibe einfach mal stur. Denn in den Kästen regt sich auch grüner „Widerstand“. Teilweise lugen kleine Triebe unter der Abdeckung aus Nadelzweigen hervor, die Narzissen-Zwiebeln erwachen aus dem Winterschlaf, Wiesenschaumkraut und Campanula haben sogar minikleine Blüten, die – wie ich – darauf warten, dass der nächste Frühling beginnt.

     

    Insektenliebling mit großem Maul

    Nun ist der Februar da. Und in mir regen sich erste Frühlingsvorfreuden. Ich drücke mir nicht mehr nur die Nase an der Fensterscheibe platt, sondern gehe an wärmeren Tagen gerne mal auf den Balkon, um das kleine, verborgene Mini-Paradies zu erkunden. Die erste Entdeckung: Zumindest die Samenkapseln der Löwenmäulchen haben sich doch noch weiterentwickelt, sind tatsächlich aufgeplatzt. Gleich träumt mein innerer Gärtner vom Blütennachwuchs.


    Bild: Holzbiene am Löwenmäulchen
     
    Schließlich waren die lachsfarbenen Blüten aus der Ordnung Lamiales (Lippenblütlerartige) mit der zart rosafarbenen Basis im letzten Jahr der Renner unter Holzbienen oder Erdhummeln. Möglichst „dick“ und schwer müssen die Besucher von Löwenmäulchen schon sein, damit sie die Unterlippe herunterklappen und in die Blüte hineingelangen können, um dort Pollen bzw. Nektar zu sammeln. Doch selbst klitzekleine Wildbienen haben es manchmal in den Blütenkelch geschafft. Sie „mogeln“ dann einfach, indem sie durch die nicht ganz geschlossenen „Lefzen“ an der Seite in die Blüte hineinkrabbeln.

    Mogeln gilt nicht!

    Gruselige Samenkapseln

    Die ersten Samenkapseln der Löwenmäulchen (wiss. Antirrhinum) sind oft schon im Spätherbst reif. Voraussetzung: Ein paar der im Sommer verwelkten Blütenstände wurden nicht abgeschnitten. Reife Kapseln sind nicht mehr grün, sondern beige-braun. Aufgeplatzt haben sie insgesamt drei Löcher, gleichen einem knuffigen Gesicht mit einem Mund, zwei Augen und einer langen Nase. Ein wenig sehen sie wie das Gesicht von Frankensteins Gruselmonster aus. Passt perfekt zu Halloween.


    Bild: Reife Samenkapseln des Löwenmäulchens
     
    Die Kapseln lassen sich leicht mit den Fingern vom trockenen Stängel abknipsen. Auf den Kopf gestellt, purzeln viele, sehr kleine Samen heraus. Daher Vorsicht: Es ist gut, die Kapsel über einem weißen Tuch o.ä. auszuschütten, denn die Samen zerstreuen sich gerne in alle „Windrichtungen“, wie man so schön sagt. Ich selbst habe sie (lichtgeschützt) in gut beschriftete Kaffeefiltertüten abgefüllt, diese zugeklebt, und plane, sie diesen März in einem Topf in der Wohnung vorzuziehen.


    Bild: Samen, lichtgeschützt verpackt
     
    Wenn man dies möchte, ist es gut, die Samen erst im Februar oder März einzusammeln. Je nach Witterung. Löwenmäulchen sind Kaltkeimer, sie benötigen also über längere Zeit einen Kältereiz, um später keimen zu können. Der Winter ist dafür perfekt. Am sichersten ist es natürlich, die Samen vor dem Einpflanzen trotzdem noch für eine Woche im Kühlschrank aufzubewahren.

    Lichtblick auf dem Fensterbrett

    In einem größeren Gartenbeet könnten die Samenkapseln einfach an den Pflanzen verbleiben, sodass sich die kleinen „Hüpfer“ durch Abknicken der vertrockneten Samenstände von selbst verteilen (wie gesagt, sie sind sehr „mobil“). Im Frühjahr würden sie im Boden dann automatisch keimen. Aber Balkonkästen sind nicht so groß, und in den Ritzen der Bodenplatten sollten sie sich ebenfalls nicht entwickeln. Daher versuche ich es lieber mit der Topfkultur.


    Bild: Löwenmäulchen-Samen in Großaufnahme
     
    Dazu fülle ich einen kleinen Blumentopf mit Anzuchterde, lege ein paar der Samen vom Balkon oben auf, immer einen kleinen Abstand dazwischen. Eine Deckschicht aus Erde wird nicht benötigt, da Löwenmäulchen außerdem Lichtkeimer sind. Das heißt, sie brauchen neben dem anfänglichen Kältereiz später vor allem Licht (und natürlich Wärme), um anzugehen.

    Fertig eingepflanzt, kommen die Töpfchen auf das sonnige Fensterbrett. Ich halte die Samen durch Besprühen (später: seltenes Gießen) mäßig feucht – und hoffe, dass nach ca. zwei Wochen die ersten Triebe zu sehen sind.

    Spätestens dann beginnt das große Bangen: Entwickeln sich die kleinen Sprösslinge weiter? Werden ansehnliche Pflanzen daraus, und wie werden die Blüten aussehen? Gekaufte Löwenmäulchen sind oft nicht sortenrein, können farblich also komplett anders aussehen, als die Mutterpflanze aus dem Handel.

    Pflanzen und Hoffen

    Mal sehen, was wird. Ich halte den geneigten Leser auf dem Laufenden. Bei den lilafarbenen Löwenmäulchen hat es im letzten Jahr schließlich auch geklappt.

    Frühling. Ist ja schon bald.
    Kann es kaum erwarten.

    Update vom 17.02.22: Habe heute einen Marienkäfer vorsichtig aus der Führungsschiene des Rollos in den Scabiosa-Topf umgesiedelt. Genügend Blattläuse finden sich dort schon.

     

    Dieser Artikel wurde im Rahmen der NaturSichtBlogaktion von Silke Bicker erstellt (https://natursicht.com/natursichtblogaktion-ab-in-den-garten/). Als ich das Thema gelesen habe, kribbelte es sofort in den Fingern, und die Gedanken haben vor Vorfreude auf die warme Jahreszeit schon im Februar Purzelbäume geschlagen.